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ÜBER GERHARD RICHTER

VON DIETMAR ELGER

Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren, wo er an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste zwischen 1951 und 1956 seine erste künstlerische Ausbildung erhielt. Richter spezialisierte sich auf das Fach Wandmalerei und arbeitete nach seinem Diplom als freier Maler. In den folgenden Jahren bis 1961 konnte Richter bereits mehrere öffentliche Aufträge ausführen. Trotzdem wurde er mit seiner beruflichen Situation immer unzufriedener. Durch mehrere Bücher aus dem Westen und gelegentliche Reisen in die Bundesrepublik – so konnte er 1959 die Documenta in Kassel besuchen –, war Richter in Berührung mit der internationalen Kunst gekommen. Nach längerem Zögern entschied er sich schließlich, die DDR zu verlassen. Im März 1961 gelang ihm zusammen mit seiner Frau Ema die Flucht, die ihn über Westberlin nach Düsseldorf führte, wo er bei dem informellen Maler Karl Otto Götz ein erneutes Kunststudium begann.

Nach ersten eigenen abstrakten Experimenten fesselten ab Ende 1962 fotografische Reproduktionen in den im Westen allgegenwärtigen Massenmedien seine Neugier. Richter begann die aktuellen Illustrierten nach brauchbaren Bildvorlagen für seine Malerei zu durchsuchen. Richters graue Fotobilder der 1960er Jahre mit ihren verwischten Motiven erscheinen dem Betrachter so vielfältig und disparat wie der Bilderstrom in den modernen Massenmedien. Nichts hält die Motive dieser Bilder inhaltlich zusammen; sie verbindet keine gemeinsamen Thematiken, außer dass sie alle nach photographischen Vorlagen entstanden sind und diese Herkunft auch deutlich zeigen. Ihre scheinbare Unschärfe ist dabei lange Zeit mit der Unschärfe verwackelter Amateurfotos verwechselt worden. Doch ist diese Unschärfe für Richter immer mehr gewesen als ein bloßes formales Element der Gestaltung. Unschärfe ist für ihn vielmehr der Ausdruck einer begrenzten Erkenntnisfähigkeit, die Konsequenz aus einer nur eingeschränkt möglichen Erfahrung unserer Wirklichkeit.

Gerhard Richters Werk ist aus dem Konflikt der Malerei mit der Fotografie um das künstlerische Leitmedium der Wirklichkeitsrepräsentation und -interpretation entstanden. Seit der Erfindung der Fotografie war die Malerei schon häufiger totgesagt worden, und doch hat sie jeden dieser vorschnellen Nachrufe überlebt. Für Gerhard Richter stellte sich in den 1960er Jahren die Frage, wie in einer solchen künstlerischen Konkurrenzsituation und angesichts der millionenfachen Medienbilder, Malerei überhaupt noch möglich ist? Er nahm diese Herausforderung an, indem er an der traditionellen Malerei mit Ölfarbe auf Leinwand festhielt, diese Malerei jetzt aber mit den Eigenschaften des konkurrierenden Mediums der Fotografie ausstattete. Für Richter konnte Malerei nur dann weiterhin ihre Bedeutung bewahren, wenn sie sich den veränderten Bedingungen des neuen Medienzeitalters anpasste. Diesen scheinbaren Widerspruch einer Malerei, die selbst Fotografie sein will, hat Gerhard Richter in einem Interview mit Rolf Schön 1972 so aufgelöst: „Es geht mir ja nicht darum, ein Foto zu imitieren, ich will ein Foto machen. Und wenn ich mich darüber hinwegsetze, dass man unter Fotografie ein Stück belichtetes Papier versteht, dann mache ich Fotos mit anderen Mitteln, nicht Bilder, die was von einem Foto haben.“ Als solcherart definierte Fotografien - und damit losgelöst aus den Traditionen der eigenen Gattung - hat die Malerei im Werk von Gerhard Richter überleben können.

Dies gilt ebenso für Richters spätere Bilder, die nicht mehr nach fotografischen Vorlagen entstanden sind. 1965 malte er die ersten Vorhang-Bilder, im Jahr darauf die ersten Farbtafeln. Beide Werkgruppen gingen zwar noch auf fotografische Vorbilder zurück, waren aber nicht mehr nach konkreten Vorlagen malerisch kopiert. In den folgenden Jahren eroberte sich Richter innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Spektrum neuer Motive und Ausdrucksformen, das seine Malerei um zahlreiche, auf den ersten Blick scheinbar widersprüchliche Optionen erweiterte. Mit pastosem Farbauftrag entstanden 1966 graue Häuser- und Gebirgsschluchten, zwei Jahre später folgen weich verwischte romantische See- und Wolkenstücke. Richter vermalte die drei Grundfarben Rot-Gelb-Blau in schlierigen Bahnen oder vermischte alle Farben zu einer indifferenten Grau-Fläche. 1966 formulierte Richter in einer privaten Notiz seine damalige künstlerische Haltung: „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung. Ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.“

Von einer solchen „Stillosigkeit als Stilprinzip“ im Werk von Gerhard Richter ist damals auch von der Kritik gerne gesprochen worden. Der Ausdruck hat sich als griffige Formulierung lange Zeit festgesetzt und dabei andere Blicke auf das Werk verhindert. Denn tatsächlich schien der Künstler jeden beliebigen Stil zu adaptieren, zu zitieren, ihn schnell wieder aufzugeben, um ihn nur wenige Jahre später erneut aufzugreifen. Richters künstlerischer Ansatz allerdings ist seit 1962 immer gleich geblieben. Selbst bei den Vermalungen, den Farbtafeln und Grauen Bildern hat er immer noch versucht, so genannte Fotografien mit den Mitteln der Malerei herzustellen. Die Kriterien, wie er sie für seine frühen Fotobilder formulierte, haben sich auch in diesen Werken noch erhalten: Objektivität, Authentizität, Illusionismus und der Verzicht auf eine Komposition.

Seit 1976 bilden die so genannten AbstrakteBilder mit ihren heterogenen und komplexen Formen und Farben den Schwerpunkt in Richters Werk. Seit inzwischen mehr als drei Jahrzehnte erfährt diese Werkgruppe eine kontinuierlich Entwicklung und Reife. Dabei hat er die zunächst noch buntflächigen und offenen Farbräume immer mehr verdichtet und zu komplexen Strukturen verwoben. Durch den Einsatz des Rakels bestimmt der Zufall den Entstehungsprozess entscheidend mit, in den Gerhard Richter immer wieder kontrollierend und lenkend eingreift. Diese Arbeit an den Abstrakten Bildern unterbrechen immer wieder kleinere Gruppen realistisch gemalter Landschaften, Blumenstillleben oder Portraits. 1988 entstand in einer dieser Pausen der grandiose 15teilige Bilderzyklus „18. Oktober 1977“, der sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York befindet.

Von der internationalen Anerkennung und der Popularität seines Werkes hat sich Gerhard Richter nie verführen lassen, er ist seinen eigenen Werken gegenüber immer skeptisch geblieben. In dem Dokumentarfilm „Gerhard Richter Painting“ erlaubt der Künstler der Kamera eine ungewöhnliche Nähe. Er zeigt die Arbeit im Atelier nicht nur als einen Mal-, sondern auch als einen Denkprozess. Wiederholt spricht Richter dann davon, wie seine malerischen Optionen mit fortschreitender Entwicklung der Abstrakten Bilder ihn immer mehr beschränken und dass ein Scheitern jederzeit möglich bleibt. „Es wird mit jedem Schritt schwieriger und ich werde immer unfreier, bis ich zu dem Resultat komme, wo nichts mehr zu tun ist, wo nach meinem Level nichts mehr falsch ist,“ sagt er einmal in dem Film, „dann hör’ ich auf, dann ist es gut.“

Dietmar Elger ist Leiter des Gerhard Richter Archivs in Dresden und Autor mehrerer Bücher zur modernen und zeitgenössischen Kunst, u.a. der umfangreichen Biografie „Gerhard Richter, Maler“ Köln, 2008).

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